Zachariël> Artikel    
 

   
   
   
 
   
   
 


Over Zachariël


Artikelen


Contact


   
 


Links


 

 


   
   
 
Op alle artikelen op deze website rust auteursrecht.
Overname zonder toestemming is verboden
   
 
Copyright publications.
Publication without permission not allowed.
   
   
 
Logo by
Floor Bos en Edwin Schild.

 

  13-1-2007

Druckversion:

keinPDF?

 

Kaufkraft und Verfügungsmacht

Geld: eine Sache der Abmachungen und Ansprüche

Von EC Bakker

Die Einführung des Euro bietet eine schöne Gelegenheit sich einmal näher mit der Frage zu beschäftigen, wie unser heutiges Geldsystem eigentlich funktioniert. Im ökonomischen Gedankengut Rudolf Steiners können wichtige Anhaltspunkte dafür gefunden werden. Am Schluss seines Nationalökonomischer Kurses forderte er die Teilnehmer dazu auf zur Basis zurückzukehren und sich den Tagesablauf einer einfachen Gemeinschaft vorzustellen. So würde man einsehen können, warum das Geld in der modernen Ökonomie ein Faktor an sich geworden ist. Dadurch würde man wie von selbst zur Einsicht kommen müssen, dass Geld im Laufe der Zeit eigentlich seinen Wert verlieren müsste. Versuchen wir das einmal.


Geld ist eine Regelung

Was ist Geld? Das erste was man dabei feststellen müsste, ist dass Geld nicht so ganz eindeutig umschrieben werden kann, weil Erscheinungsform und Arbeitsweise meist gegensätzliche Formen annehmen können. Geld ist ja an erster Stelle eine von Menschen geschaffene Regelung. Was in dieser Regelung zum Ausdruck kommt, ist die eigentliche Frage.
Geld repräsentiert vor allem „Kaufkraft“: das Vermögen Verfügungsmacht über sämtliche Sachen zu erwerben. Aber welche Sachen sind dies denn, und wie weit streckt sich dabei die Verfügungsmacht aus? Durch diese Frage wird die Sache schon etwas konkreter. Es zeigt auf der Stelle, dass man eigentlich nicht ohne weiteres über Geld reden kann. Geld ist nicht etwas Selbständiges: Geld ist ein Repräsentant.
Mit Geld kann man Nahrungsmittel kaufen und dann vollkommene Verfügungsmacht darüber ausüben; man kann sie essen oder wegwerfen. Man kann sich mit dem Geld auch Land kaufen, aber die Verfügungsmacht ist dann einigermaßen eingeschränkt durch zum Beispiel ein Verbot dort Gift auszuschütten. Mit anderen Worten: sobald man über Geld nachzudenken anfängt, stößt man auf Rechtsfragen und insbesondere auf das Eigentumsrecht. Je mehr Möglichkeiten es gibt um Eigentumsrechte zu erwerben, desto mehr Möglichkeiten hat das Geld zu bieten hat. Auf diese Weise konnte man früher sogar Menschen kaufen.

Wer nun eine Banknote über 100 Euro in der Hand hat, darf sich fragen, was dies nicht alles zum Ausdruck bringt. Es ist sozusagen ein Anteil an allerlei Eigentumsrechten. Heutzutage gibt es da so viele Möglichkeiten, dass es verrückt wäre, diese alle nachzuschlagen. Trotzdem kann man darin ziemlich weit gehen und die seltsamsten Sachen entdecken.

Von der Vergangenheit in die Zukunft

Es stellt sich heraus, dass die seltsamen Sachen, auf die man bei einer Erforschung des Geldes stößt, sich vor allem auf das Phänomen beziehen, dass in dem Geld uralte Ansprüche verborgen sind, die noch bis in die weite Zukunft eine Auswirkung haben können. Denken Sie mal an den Großgrundbesitz. Spektakuläre Beispiele dafür findet man in England, wo der Altadel schon seit Jahrhunderten keine Enteignungsrevolution gekannt hat, oder bei dem Nachwuchs der spanischen Konquistadoren in Mittel- und Süd-Amerika mit ihren ausgestreckten Plantagen. Näher in Raum und Zeit ist der holländische Häusermarkt, auf dem viele Menschen ihr Vermögen sich verdoppeln sahen (innerhalb 7-9 Jahre), indem sie ganz einfach in ihrem Haus (bzw. auf ihrem Boden) „saßen“. Man muss aber kräftig weiterdenken, wenn man wirklich eine Ahnung davon haben will, was nicht alles von der Vergangenheit aus noch immer seine Auswirkung hat in dem Geld. Grundbesitz vereinfacht diese Einsicht aber in großen Maßen.
In seiner Allgemeinheit ist Land etwas, was in vieler Hinsicht von sich selbst aus schon produktiv ist. Bei einer wachsenden Bevölkerung schon ausschließlich dadurch, dass es jeder haben möchte um darauf zu wohnen. Außerdem kann man sich die Fruchtbarkeit des Landes vorstellen. Der Punkt ist, dass man für diese und ähnliche Vorteile gar nichts zu tun braucht. Die gängige ökonomische Wissenschaft betrachtet Privatbesitz und insbesondere Grundbesitz aber als ein großes Gut. Es stimuliert Investoren schließlich dazu Initiative zu entfalten.

Sagen wir einmal, jemand hat tüchtig gearbeitet und entscheidet, dass er von seinem gesparten Geld ein Grundstück kaufen möchte. Immerhin läuft er die Gefahr, dass sein Grundstück Wert verliert durch zum Beispiel Überschwemmungen, Rückläufe in der Bevölkerung und so weiter. Demgegenüber steht die Chance auf Gewinn. An sich ist Gewinn auch legitim in Bezug auf das Risiko, das man eingegangen ist. Aber was sich allzu oft herausstellt ist, dass man sein Spargeld längst zurückverdient hat, schon längst sein Risiko kompensiert hat und sich auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Andere müssen jetzt für einen arbeiten oder für seine Kinder, Enkelkinder und so weiter. Dieses Prinzip, der Erwerb von Einkünften aus dauerndem Besitz von Produktionsmitteln, hat noch ganz andere Auswirkungen auf das Geld als nur mittels Land. (Rudolf Steiner nannte gerade diesen Prinzip den Basisfehler des Kapitalismus: „das fünfte Rad am Wagen“ (1))
Das riesige Wachstum der Technologie in den letzten 200 Jahren hat solche Situationen nur noch verstärkt. Siehe für die Analogie mit dem Grundbesitz die Tatsache, dass Technologie, genau wie Natur, von sich aus schon eine enorme Produktivität besitzen kann. Das Prinzip ist vielleicht sogar einfacher wahrzunehmen, wenn es sich um Aktien an Unternehmen handelt. Auch hier gibt es viele Momente, wo das Verhältnis zu den eingegangenen Risiken vollkommen verschwunden ist, wodurch eine Situation entsteht, in der die Mitarbeiter in den Unternehmen den Kapitalgebern untergeordnet bleiben. Das Geld, das Sie, lieber Leser, nun in ihrer Hand haben wird deshalb langsam immer wertloser, weil zu viele Ansprüche aus der Vergangenheit daran hängen bleiben; es gibt zu viele Menschen, die auf dieser Basis davon profitieren. Im Wesentlichen ist dies der wichtigste und (un) eigentlicher Grund der Inflation.

Das Prinzip des Dauerbesitzes hat aber noch eine andere Erscheinungsform, nämlich das Geld selbst. Geld darf schon an sich ein Repräsentant aller möglichen Rechtsregelungen sein, aber woher kommen die Banknoten?

Eine Dorfswirtschaft

Um besser verstehen zu können wie das Geldsystem heutzutage funktioniert, ist es gut, sich eine einfache, geschlossene Dorfswirtschaft vorzustellen. Um das Dorf herum befindet sich Ackerland, das von einem großen Teil der Dorfsbewohner bearbeitet wird. Außerdem gibt es natürlich Kinder, Kranke und Greise; diese brauchen Pflege und Unterricht. Sie können sich also vorstellen, dass das Dorf einen Lehrer und einen Arzt hat. Diese haben weniger oder sogar gar keine Zeit, um auf dem Land zu arbeiten. Faktisch läuft es darauf hinaus, dass beide von den verschiedenen Bauern einen Teil der Ernte bekommen. Wenn dies auf eine solche Weise arrangiert wird, dass die beiden Zettel bekommen, die sie im Laufe des Jahres bei den Bauern einreichen können, dann kommt dies schon ziemlich nah an unsere heutige Vorstellung des Geldes heran. Eigenartig ist vor allem, dass, wenn der Lehrer so einen Zettel bei dem Bauern einreicht, der ihn ausgestellt hatte, dieser Zettel seinen Wert verloren hat. Das Geld ist „verbraucht“.


Sagen wir jetzt, dass der Lehrer kein guter Esser ist und nicht all seine Zettel einreicht, sie aufhebt. Im nächsten Erntejahr kommt er mit ein paar alten Zetteln zum bezüglichen Bauer. Was dann? Dann sagt der Bauer: „Ich habe schon noch ein paar vertrocknete Karotten aus dem letzten Jahr, die du nicht bei mir abgeholt hast. Die kannst du haben. Für die diesjährige Ernte musst du neue Zettel mitbringen.“
So einfach dies Beispiel sein mag; daraus darf man auf jeden Fall folgern, dass es zwischen Geld aus verschiedenen Jahren deutliche Unterschiede gibt.

Zentrale Distribution (Verteilung)

Nun kann es sich herausstellen, dass es außerordentlich nützlich wäre, wenn in dem Dorf ein zentrales Koordinierungsorgan sich um die Herausgabe der Zettel kümmert. Verstehen Sie aber, dass dies nicht einfach nur ein praktischer Entschluss ist, sondern dass der Geldausgabe allerhand Rechtsregelungen zugrunde liegen. Wenn die Leute im Dorf zusammen den Lehrer bezahlen möchten, dann verweist dies auf ein Recht auf Unterricht. Beim Arzt handelt es sich um ein Recht auf Pflege. Bei den Kindern können sie sich eine Art Kindergeld vorstellen, das doch ein unabhängiges Recht auf Einkommen, Pflege, Erziehung als Grundgedanken hat. Für Greise gilt etwas Ähnliches.
Es ist schon ein kompliziertes Etwas mit all den Zetteln, die man bei all den Bauern einreichen kann. Es wäre praktischer, wenn die Bauern ihre Ernte übertragen würden und den Rest einem Distributionsorgan (Verteilungsorgan) überlassen würden. Dieses Distributionsorgan gibt dann die Zettel heraus und man muss nur dorthin gehen, um sie für Gemüse usw. einzulösen. (Es ist also auch eine Art Laden) Diese Organisation hat natürlich auch Mitarbeiter, die von der Arbeit auf dem Land freigestellt werden und Zettel empfangen.

Noch immer ist es so, dass bei Einreichung das Geld verschwindet, und Geld pro Erntejahr unterschiedlich ist. Das Geld ist aber mehr universal geworden. Es wird immer verlockender, es als Tauschmittel zu benutzen. Vor allem, wenn man eines Tages keine Zettel für Milchprodukte, Gemüse und Fleisch mehr unterscheidet, sondern „einfach“ (aber schon wohldurchdacht) eine Zahl darauf schreibt, als Repräsentant der ganzen Ernte. Das ist ein ungeheuer wichtigen neuen Schritt.
Die gegenseitige Dienstleistung zwischen den Einwohnern wird dadurch sehr vereinfacht. Es ist wunderbar, sich selbst allerlei Beispiele auszudenken, um zu sehen, wie dadurch eine Wirtschaft immer weiter verfeinert werden kann. In erster Instanz bietet zum Beispiel jemand, der weniger Bedarf an Nahrung hat, einen Zettel als Belohnung für das Putzen seiner Wohnung an, was dann gemacht wird von jemandem, der mehr Bedarf an Nahrung hat. Solche Transaktionen werden aber schon bald viel komplexer. Dadurch kommt das Geld über immer verschlungenere Wege zum Distributionsorgan, um schließlich dort zu „verschwinden“. (2)

Geld sparen

Sagen wir nun, dass man dieses Verschwinden des Geldes ziemlich lästig findet, jedes Jahr aufs Neue Geld herauszugeben und auf die Ernte zu beziehen. Warum nicht einfach diesen Zetteln kein Schlussdatum geben und einfach abwarten, wann sie „hereinkommen“? Ganz einfach die Geldmenge gut überwachen und dafür sorgen, dass die Bauern ihre Ernte abgeben. Aber…: an sich ist dies schon ein Vorteil für diejenigen, die Geld sparen; es hat für die anderen einen negativen Effekt, wenn die Sparer zu einem bestimmten Zeitpunkt ihr Geld doch noch in Umlauf bringen. Die Geldmenge nimmt dabei zu und das Geld verliert seinen Wert.
Natürlich ist es auch so, dass jemand, der vorläufig auf Konsum verzichtet, also spart, damit der Gemeinschaft einen Dienst erweisen kann. Die Geldmenge im Umlauf nimmt dabei ja ab und somit steigt der Wert des umlaufenden Geldes. Das ist aber schon ein sehr abstrakter Gedanke. (Aber hoffentlich wird der Leser dies trotzdem einmal überdenken!)
Man kann hieraus folgern, dass Geld eigentlich der Ausdruck ist für die Produktionsmöglichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt. (3) Werden diese nicht genutzt, dann gibt es keine Garantie, dass es diese Möglichkeiten nach sagen wir mal einem Jahr noch immer gibt. Dies ist am besten bei Ackerland wahrzunehmen; wenn man dies ein Jahr lang nicht benutzt, dann heißt das nicht, dass man im nächsten Jahr die doppelte Ernte erreichen kann.

Jemand, der sich Geld anspart, indem er sich des Konsums enthält, lässt Produktionsmöglichkeiten liegen, im Grunde genommen jedenfalls. Sagen wir nun, dass jemand ganz einfach eine bessere Kochmethode erfunden hat und dadurch weniger Nahrung braucht. Er hat dann dafür gesorgt, dass die Produktionsmöglichkeiten besser benutzt werden, so dass zusätzliche Möglichkeiten entstehen. Das ist eine andere Weise zu sparen.
Es handelt sich beim Sparen also nicht darum, ob dies gut oder schlecht ist; es handelt sich darum, was mit dem Ersparten passiert. Macht der Besitzer etwas damit, bevor die Möglichkeiten dazu verloren gegangen sind oder nicht? Er kann es verschenken oder etwas damit kaufen, oder er leiht anderen sein erspartes Geld aus; dann versetzt er sie in die Lage, dessen Möglichkeiten zu nutzen.
Was passiert aber beim Ausleihen? In der Zukunft wird der Verleiher sein Geld zurückerhalten, die extra Möglichkeiten, die er „geschaffen“ hat, sind dann von anderen genutzt worden, und er hat die Frage vor sich, was er mit den extra Möglichkeiten dieser zukünftigen Zeit machen wird. So weit, so gut; die Geldmenge ist ja nicht vergrößert worden, in keinem einzigen Moment. Wesentlicher noch, solange das Geld nur auf diese Weise „rollt“, ist es sogar egal, ob darauf ein Schlussdatum steht oder nicht.
Aber Achtung: der Kreditbetrag, der zurückerhalten wird, umfasst Geld mit den Möglichkeiten, die es zu diesem Zeitpunkt gibt. Diese können größer sein (z.B. durch Erfindungen), aber auch kleiner (z.B. durch Naturkatastrophen) als in der Zeit, als das Geld ausgeliehen wurde. Hier taucht das Phänomen des Risikos auf.

Risiko verringert man vor allem, indem man nicht selbst sein Geld ausleiht, sondern dies von einem Kollektiv machen lässt. In unserem Dorf könnte dies das Distributionsorgan machen. Dieses kann in Zinsanteilen zum Ausdruck bringen, in welchem Maße das Sparen und Ausleihen erwünscht ist, um zu gewährleisten, dass ein Sparer sein Geld auch zurückbekommt oder sogar mehr, oder vielleicht weniger. (Obwohl wir diese zweite Möglichkeit kaum noch kennen, die wirtschaftliche Wirklichkeit kann diese sicherlich mit sich bringen!) Das Distributionsorgan unseres Dorfes ähnelt jetzt mehr und mehr unseren heutigen Banken.

Zunahme der Geldmenge

Die Probleme durch das Fehlen eines Schlussdatums entstehen auf eine ganz andere Weise. Das geschieht, wenn das Distributionsorgan bzw. die „Dorfbank“ sich dafür entscheidet, die Geldmenge wachsen zu lassen. Dies kann natürlich auf verschiedene Weisen passieren. Die klassische Weise ist, die Geldpresse einfach laufen zu lassen. Mancher Diktator hat daran viel Spaß gehabt. In unserer Gesellschaft passiert dies auch, aber auf äußerst vernünftiger Weise. Die Banken dürfen Geld schöpfen, indem sie mehr ausleihen, als sie als Spargelder verwalten. (Momentan muss zirka 5 % gedeckt sein.) Wenn wir dies auf unser Dorf anwenden, bedeutet das, dass die Geldmenge zunimmt und der Wert des Geldes sich also verringert. Das funktioniert aber so, dass diejenigen, die sich das Geld leihen, sozusagen zusätzliche Möglichkeiten bekommen, die Produktionsmöglichkeiten in einem bestimmten Moment zu nutzen. Es ist eine Art extra Arbeitsanregung. Einmal ganz einfach: in unserem Dorf könnte es zum Beispiel sein, dass einer Möbelmacher werden will, obwohl im Moment noch jeder selber seine Möbel macht. Er benutzt den Kredit, um für die Arbeit auf dem Land eine Freistellung zu bekommen und mit der Anfertigung der Möbel anzufangen. Während er Möbel baut, müssen die anderen mehr auf dem Land arbeiten. Wenn sich nun derjenige als guter Möbelmacher herausstellt, dann erweist es sich schließlich als günstiger für andere, sich die Möbel bei ihm zu kaufen statt sie selber zu machen. Stellt sich aber heraus, dass er es gar nicht kann (oder scheußliche Design-Ideen hat), dann hat er das Problem, dass er den Kredit zurückbezahlen muss. (Den er dann zum Beispiel zurückverdienen kann, indem er länger auf dem Land arbeitet; die anderen könnten dann etwas kürzer arbeiten und auf diese Weise ihre extra Arbeit aus der vorhergehenden Zeit kompensieren lassen.)

Zusammenfassend: durch die Ergebnisse der zusätzlichen Arbeit nimmt der Wert des Geldes schließlich (wieder) zu und werden die störenden Folgen der Zunahme der Geldmenge nicht nur wieder in Ordnung gebracht, sondern bei einer gelungenen Produktionsinitiative reichlich erstattet.

Außerdem gibt es aber die Zinsen, welche die Kreditnehmer extra aufbringen müssen. Die Sache wird jetzt schon ganz schnell unübersichtlich, denn was sind nun genau die Zinsen und wo gehen diese hin? Die Zinsen an sich sind eine Risikoprämie (unser Möbelmacher kann z. B. beim Holz hacken von einem Baum getroffen werden). Einen großen Teil dieser Zinsen empfangen die Sparer. Die Zinsen an sich bedeuten auch konkret eine zusätzliche Arbeitsanstrengung für den Schuldner; er muss zusätzlich von seinen Produktionsmöglichkeiten Gebrauch machen. Wenn der Sparer nun sein um Zinsen vermehrtes Geld auf seinem Bankkonto stehen lässt, so kann die Dorfsbank noch mehr Geld ausleihen. (4) Der Zyklus fängt wieder neu an; die Geldmenge nimmt wieder zu, das Geld verliert am Anfang seinen Wert, und so weiter. So funktioniert das heutige System der Geldschöpfung in groben Zügen. (Ich meine also: auch in unsere Gesellschaft).

Es dürfte deutlich sein, dass Geld auf diese Weise etwas sehr undurchschaubares wird. Diejenigen, die sparen, sehen ihr Geld per Saldo zunehmen; heutzutage ist es nach etwa 10 bis 15 Jahren verdoppelt. (Der Wert ist dann in Wirklichkeit niedriger durch Inflation und Steuern, aber wachsen tut es!) Konkret bedeutet dies, dass jemand, der ein Jahre lang spart, (5) nicht nur die „Entwertung“ des Geldes anderen als Sorge überlässt (wenn ein Schlussdatum auf dem Geld fehlt, kann man dies vielleicht sofort schon als fortlaufendes Erneuern des Geldes deuten). Im Laufe der Jahre bekommt er schließlich viel mehr zurück als „sein“ Geld. Sein Geld hat einen neuen Wert bekommen, ist neu geworden. Mit anderen Worten: wenn sein erspartes Geld immer wieder „erneuert“ wird, bekommt er immer größere Ansprüche auf die Zukunft.
Verstehen Sie dies richtig; der Sparer bekommt schließlich nicht nur das Äquivalent seines „alten“ Geldes mit den Produktionsmöglichkeiten des heutigen Zeitpunktes, sondern relativ viel mehr als das. Eventuell darf man dies eine Risikoprämie nennen (womit landläufige Ökonomen sich vor der Behandlung der Problematik drücken), aber dann ist die Prämie heutzutage garantiert viel zu hoch. Schon wieder wird die zuvor als Basisfehler des Kapitalismus genannten Aussage Rudolf Steiners deutlich. Diejenigen, die sich Geld leihen, bemerken dies vor allem durch das Phänomen Zinseszinsen beim Tilgen ihrer Schulden. Konkret: jemand, der sich 100.000 für 10 % Zinsen leiht, und jedes Jahr 10.000 tilgt, hat am Ende seines Lebens noch immer die selbe Schuld und vielleicht schon 300.000 Tilgung bezahlt. (Vielleicht kann der Leser jetzt verstehen, warum Steiner zwar der Meinung ist, dass Zinsen an sich ein legitimes Prinzip zugrunde liegt, aber Zinseszinsen ernsthaft ablehnt. Zinseszinsen gründen nämlich auf dem gleichen Prinzip wie der unendliche Besitz von Produktionsmitteln sowie Land.)


Unsere heutige 'Dorfbank', die EZB in Frankfurt

Leider erkennen wir den eigentlichen Hintergrund dieser ganzen Prozedur nicht mehr. Es ist gut vorstellbar, dass in „unserem“ Dorf Revolten entständen und das Büro des Distributionsorgans niedergebrannt würde. Unsere nationale Ökonomie, in ein enormes internationales Netzwerk eingebettet, ist aber nicht so durchsichtig. All das Vorhergehende ist auch erst eine Einführung in das ökonomische Denken, das für eine Begegnung mit der Wirklichkeit notwendig ist.

Neue Ansprüche auf die Zukunft

Vielleicht können Sie sich jetzt bei der am Anfang vorgebrachten Stellungnahme noch besser vorstellen, dass in Ihrer Banknote über 100 Euro uralte Ansprüche aus der Vergangenheit verborgen sind. Sagen wir, dass ein holländischer Großgrundbesitzer Anfang des 19. Jahrhunderts sein Land verkaufte und dieses Geld auf die Bank brachte; dann wissen Sie, dass, wenn er und seine Nachkommenschaft dieses einigermaßen normal verwalten, seine Großenkel noch immer davon leben können. Andere haben dieses Geld ständig für sie mit neuem Wert versehen und werden das im nächsten Jahrhundert immer wieder tun.
Noch wichtiger aber ist die Tatsache, dass momentan immer neue Ansprüche auf die Zukunft gemacht werden. Die Banken arbeiten ja stetig weiter und verdienen ihr Geld teilweise durch das von uns selbst an sie verliehene Recht auf Geldschöpfung. Die Behörden sind aufgrund der Europäischen (monetären) Union noch weiter von uns Bürgern weg, und die Folge ist, dass wir noch weniger Einfluss ausüben können auf Milliardenprojekte, die wir im Laufe der Jahre schließlich selbst bezahlen werden müssen. Das System der Finanzierung durch Aktien erstreckt sich über immer mehr Gebiete aus, wie die öffentlichen Verkehrsmittel, das Kommunikationsnetz, die Energieversorgung und garantiert bald das Gesundheitswesen. Also: noch mehr Möglichkeiten, um Eigentumsrechte bis in die weite Zukunft zu erwerben.


Monsanto: Meister Gewächsepatente meistern

Sehr interessant ist auch der Kampf um das tägliche Brot im wortwörtlichen Sinne; man arbeitet fleißig daran alle Gewächse beanspruchen zu können, mittels der Patentierung (und weitmöglichsten Anwendung) der Erfindungen im Bereich der DNA und verwandter genetischer Modifikationen. Ein Patent gilt gewöhnlich für 50 Jahre, das heißt also bezahlen.

Folgerungen

Die am Anfang dieses Artikels gestellte Frage nach dem Wesen des Geldes ist zum Teil beantwortet worden. Ich habe außerdem gezeigt, dass es keine einfache Frage ist. Hoffentlich habe ich aber deutlich machen können, wo der Schuh drückt; wir haben es „vergessen“, haben die Übersicht verloren. Geld wird mit ungenügendem Bewusstsein gehandhabt. Es ist bewusstseinsfördernd, wenn wir einsehen, dass lang laufende Eigentumsrechte an Produktionsmitteln im Geld zum Ausdruck kommen. Außerdem ist es wichtig zu durchschauen, wie es genau funktioniert, wenn wir die Geldmenge zunehmen lassen, produktiv machen, indem wir Kredite (mit Zinsen) gewähren. Wie Ansprüche entstehen und ein Ende haben müssen, damit neue – und damit Neues – möglich werden. Mit anderen Worten: wir müssen uns bewusst machen, wie Geld entsteht und vergeht, und wie wir es produktiv machen, damit wir zusätzliche Produktions- und Arbeitsmöglichkeiten schaffen und das Produktionspotential nutzen können.
Wenn man dadurch anfängt, mehr Verständnis für Geld zu haben, dann kann man sich erst richtig fragen, wie es anders möglich wäre.

Publiziert in Deutschland in Lazarus, nr 2, Oktober 2004. Dieser Artikel erschien zum ersten Mal in dem niederländischen Magazin Bruisvat (Nr 2, Frühling 2000). Wir danken Y. Tiggelman für die Übersetzung, und S. Reeder für weitere Korrekturen.

EC Bakker absolvierte sein Studium des ökonomischen Gedankenguts Steiners an der ökonomischen Fakultät der Universität in Amsterdam.

Anmerkungen

1. Für Steiners richtungsweisende Vorträge über die Dorfsgemeinschaft: GA 340, 13. und 14. Vortrag, 5.-6. August 1922.
2. Es stellt sich heraus, dass der Mensch sich beschwert fühlt bei dem Gedanken, dass Geld verschwindet, wie bei keinem anderen. Man ist all zu sehr dazu geneigt, Geld als ein Faktum zu betrachten. Dies ist meiner Meinung nach nicht so sehr dem Thema zuzuschreiben, sondern vor allem der statischen Denkweise, die meistens benutzt wird. Nichtsdestotrotz, über Geld nachzudenken bietet was dies betrifft ein ausgezeichnetes Training um, wie Steiner es bezeichnet, „bewegliches Denken zu erlernen“. Vielleicht hat er darum den einzigen Ökonomiekurs, den er je gegeben hat, damit abgeschlossen.
3. Im Wesentlichen ist dies meiner Meinung nach die reellste Definition des Geldes, die man überhaupt geben kann. Eventuell kann man „Produktionsmöglichkeiten“ (obwohl an sich tiefschürfender) durch „Potential“ ersetzen, wird es aber ziemlich rasch abstrakt, wobei Geld wiederum mystifizieren wird. Geld wird auf jeden Fall eine Bewusstseinsfrage ersten Ranges bleiben.
4. Entsprechend der Regelung, dass die Banken heutzutage nur zirka 5 % ihrer Kredite decken müssen, bedeuten ja jede 100 Euro mehr in einer Bank, dass diese Bank sofort etwa 1.800 Euro mehr ausleihen bzw. schöpfen darf. Eine zusätzliche Verdeutlichung: Die Einführung der Scheckkarte war für die Banken besonders verlockend, weil dadurch mehr Geld auf ihren Konten blieb und damit zusätzliche Möglichkeiten zur Geldschöpfung entstanden.
5. Man muss mit einem Jahr anfangen zu rechnen, wenn man sich auf die Landwirtschaftsverhältnisse stützt. Wie man die Dinge auch betrachtet: in dieser Dorfgemeinschaft wird das Geld jedes Jahr erneuert und in unserer Wirtschaft eigentlich auch. Das ist ein Grundprinzip. Jemand, der ein Jahr lang spart, hat schon nach einem Jahr erneuertes Geld! Spart er zwei Jahre, ist das Geld schon zwei Mal erneuert. Sonst bekäme er nichts oder alte Ware, etwa die vertrockneten Karotten aus der Ernte vor zwei Jahren.


Norbert Blüm: dumm, dummer,....?