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Kaufkraft und Verfügungsmacht
Geld: eine Sache der Abmachungen
und Ansprüche
Von
EC Bakker
Die Einführung des Euro bietet eine schöne
Gelegenheit sich einmal näher mit der Frage zu beschäftigen,
wie unser heutiges Geldsystem eigentlich funktioniert. Im ökonomischen
Gedankengut Rudolf Steiners können wichtige Anhaltspunkte dafür
gefunden werden. Am Schluss seines Nationalökonomischer Kurses
forderte er die Teilnehmer dazu auf zur Basis zurückzukehren
und sich den Tagesablauf einer einfachen Gemeinschaft vorzustellen.
So würde man einsehen können, warum das Geld in der modernen
Ökonomie ein Faktor an sich geworden ist. Dadurch würde
man wie von selbst zur Einsicht kommen müssen, dass Geld im Laufe
der Zeit eigentlich seinen Wert verlieren müsste. Versuchen wir
das einmal.
Geld ist eine Regelung
Was ist Geld? Das erste was man dabei feststellen müsste, ist
dass Geld nicht so ganz eindeutig umschrieben werden kann, weil Erscheinungsform
und Arbeitsweise meist gegensätzliche Formen annehmen können.
Geld ist ja an erster Stelle eine von Menschen geschaffene Regelung.
Was in dieser Regelung zum Ausdruck kommt, ist die eigentliche Frage.
Geld repräsentiert vor allem „Kaufkraft“: das Vermögen
Verfügungsmacht über sämtliche Sachen zu erwerben.
Aber welche Sachen sind dies denn, und wie weit streckt sich dabei
die Verfügungsmacht aus? Durch diese Frage wird die Sache schon
etwas konkreter. Es zeigt auf der Stelle, dass man eigentlich nicht
ohne weiteres über Geld reden kann. Geld ist nicht etwas Selbständiges:
Geld ist ein Repräsentant.
Mit Geld kann man Nahrungsmittel kaufen und dann vollkommene Verfügungsmacht
darüber ausüben; man kann sie essen oder wegwerfen. Man
kann sich mit dem Geld auch Land kaufen, aber die Verfügungsmacht
ist dann einigermaßen eingeschränkt durch zum Beispiel
ein Verbot dort Gift auszuschütten. Mit anderen Worten: sobald
man über Geld nachzudenken anfängt, stößt man
auf Rechtsfragen und insbesondere auf das Eigentumsrecht. Je mehr
Möglichkeiten es gibt um Eigentumsrechte zu erwerben, desto mehr
Möglichkeiten hat das Geld zu bieten hat. Auf diese Weise konnte
man früher sogar Menschen kaufen.

Wer nun eine Banknote über 100 Euro in der Hand
hat, darf sich fragen, was dies nicht alles zum Ausdruck bringt. Es
ist sozusagen ein Anteil an allerlei Eigentumsrechten. Heutzutage
gibt es da so viele Möglichkeiten, dass es verrückt wäre,
diese alle nachzuschlagen. Trotzdem kann man darin ziemlich weit gehen
und die seltsamsten Sachen entdecken.
Von der Vergangenheit in die Zukunft
Es stellt sich heraus, dass die seltsamen Sachen, auf die man bei
einer Erforschung des Geldes stößt, sich vor allem auf
das Phänomen beziehen, dass in dem Geld uralte Ansprüche
verborgen sind, die noch bis in die weite Zukunft eine Auswirkung
haben können. Denken Sie mal an den Großgrundbesitz. Spektakuläre
Beispiele dafür findet man in England, wo der Altadel schon seit
Jahrhunderten keine Enteignungsrevolution gekannt hat, oder bei dem
Nachwuchs der spanischen Konquistadoren in Mittel- und Süd-Amerika
mit ihren ausgestreckten Plantagen. Näher in Raum und Zeit ist
der holländische Häusermarkt, auf dem viele Menschen ihr
Vermögen sich verdoppeln sahen (innerhalb 7-9 Jahre), indem sie
ganz einfach in ihrem Haus (bzw. auf ihrem Boden) „saßen“.
Man muss aber kräftig weiterdenken, wenn man wirklich eine Ahnung
davon haben will, was nicht alles von der Vergangenheit aus noch immer
seine Auswirkung hat in dem Geld. Grundbesitz vereinfacht diese Einsicht
aber in großen Maßen.
In seiner Allgemeinheit ist Land etwas, was in vieler Hinsicht von
sich selbst aus schon produktiv ist. Bei einer wachsenden Bevölkerung
schon ausschließlich dadurch, dass es jeder haben möchte
um darauf zu wohnen. Außerdem kann man sich die Fruchtbarkeit
des Landes vorstellen. Der Punkt ist, dass man für diese und
ähnliche Vorteile gar nichts zu tun braucht. Die gängige
ökonomische Wissenschaft betrachtet Privatbesitz und insbesondere
Grundbesitz aber als ein großes Gut. Es stimuliert Investoren
schließlich dazu Initiative zu entfalten.
Sagen wir einmal, jemand hat tüchtig gearbeitet
und entscheidet, dass er von seinem gesparten Geld ein Grundstück
kaufen möchte. Immerhin läuft er die Gefahr, dass sein Grundstück
Wert verliert durch zum Beispiel Überschwemmungen, Rückläufe
in der Bevölkerung und so weiter. Demgegenüber steht die
Chance auf Gewinn. An sich ist Gewinn auch legitim in Bezug auf das
Risiko, das man eingegangen ist. Aber was sich allzu oft herausstellt
ist, dass man sein Spargeld längst zurückverdient hat, schon
längst sein Risiko kompensiert hat und sich auf seinen Lorbeeren
ausruhen kann. Andere müssen jetzt für einen arbeiten oder
für seine Kinder, Enkelkinder und so weiter. Dieses Prinzip,
der Erwerb von Einkünften aus dauerndem Besitz von Produktionsmitteln,
hat noch ganz andere Auswirkungen auf das Geld als nur mittels Land.
(Rudolf Steiner nannte gerade diesen Prinzip den Basisfehler des Kapitalismus:
„das fünfte Rad am Wagen“ (1))
Das riesige Wachstum der Technologie in den letzten 200 Jahren hat
solche Situationen nur noch verstärkt. Siehe für die Analogie
mit dem Grundbesitz die Tatsache, dass Technologie, genau wie Natur,
von sich aus schon eine enorme Produktivität besitzen kann. Das
Prinzip ist vielleicht sogar einfacher wahrzunehmen, wenn es sich
um Aktien an Unternehmen handelt. Auch hier gibt es viele Momente,
wo das Verhältnis zu den eingegangenen Risiken vollkommen verschwunden
ist, wodurch eine Situation entsteht, in der die Mitarbeiter in den
Unternehmen den Kapitalgebern untergeordnet bleiben. Das Geld, das
Sie, lieber Leser, nun in ihrer Hand haben wird deshalb langsam immer
wertloser, weil zu viele Ansprüche aus der Vergangenheit daran
hängen bleiben; es gibt zu viele Menschen, die auf dieser Basis
davon profitieren. Im Wesentlichen ist dies der wichtigste und (un)
eigentlicher Grund der Inflation.
Das Prinzip des Dauerbesitzes hat aber noch eine andere
Erscheinungsform, nämlich das Geld selbst. Geld darf schon an
sich ein Repräsentant aller möglichen Rechtsregelungen sein,
aber woher kommen die Banknoten?
Eine Dorfswirtschaft
Um besser verstehen zu können wie das Geldsystem heutzutage funktioniert,
ist es gut, sich eine einfache, geschlossene Dorfswirtschaft vorzustellen.
Um das Dorf herum befindet sich Ackerland, das von einem großen
Teil der Dorfsbewohner bearbeitet wird. Außerdem gibt es natürlich
Kinder, Kranke und Greise; diese brauchen Pflege und Unterricht. Sie
können sich also vorstellen, dass das Dorf einen Lehrer und einen
Arzt hat. Diese haben weniger oder sogar gar keine Zeit, um auf dem
Land zu arbeiten. Faktisch läuft es darauf hinaus, dass beide
von den verschiedenen Bauern einen Teil der Ernte bekommen. Wenn dies
auf eine solche Weise arrangiert wird, dass die beiden Zettel bekommen,
die sie im Laufe des Jahres bei den Bauern einreichen können,
dann kommt dies schon ziemlich nah an unsere heutige Vorstellung des
Geldes heran. Eigenartig ist vor allem, dass, wenn der Lehrer so einen
Zettel bei dem Bauern einreicht, der ihn ausgestellt hatte, dieser
Zettel seinen Wert verloren hat. Das Geld ist „verbraucht“.

Sagen wir jetzt, dass der Lehrer kein guter Esser ist und nicht all
seine Zettel einreicht, sie aufhebt. Im nächsten Erntejahr kommt
er mit ein paar alten Zetteln zum bezüglichen Bauer. Was dann?
Dann sagt der Bauer: „Ich habe schon noch ein paar vertrocknete
Karotten aus dem letzten Jahr, die du nicht bei mir abgeholt hast.
Die kannst du haben. Für die diesjährige Ernte musst du
neue Zettel mitbringen.“
So einfach dies Beispiel sein mag; daraus darf man auf jeden Fall
folgern, dass es zwischen Geld aus verschiedenen Jahren deutliche
Unterschiede gibt.
Zentrale Distribution (Verteilung)
Nun kann es sich herausstellen, dass es außerordentlich nützlich
wäre, wenn in dem Dorf ein zentrales Koordinierungsorgan sich
um die Herausgabe der Zettel kümmert. Verstehen Sie aber, dass
dies nicht einfach nur ein praktischer Entschluss ist, sondern dass
der Geldausgabe allerhand Rechtsregelungen zugrunde liegen. Wenn die
Leute im Dorf zusammen den Lehrer bezahlen möchten, dann verweist
dies auf ein Recht auf Unterricht. Beim Arzt handelt es sich um ein
Recht auf Pflege. Bei den Kindern können sie sich eine Art Kindergeld
vorstellen, das doch ein unabhängiges Recht auf Einkommen, Pflege,
Erziehung als Grundgedanken hat. Für Greise gilt etwas Ähnliches.
Es ist schon ein kompliziertes Etwas mit all den Zetteln, die man
bei all den Bauern einreichen kann. Es wäre praktischer, wenn
die Bauern ihre Ernte übertragen würden und den Rest einem
Distributionsorgan (Verteilungsorgan) überlassen würden.
Dieses Distributionsorgan gibt dann die Zettel heraus und man muss
nur dorthin gehen, um sie für Gemüse usw. einzulösen.
(Es ist also auch eine Art Laden) Diese Organisation hat natürlich
auch Mitarbeiter, die von der Arbeit auf dem Land freigestellt werden
und Zettel empfangen.
Noch immer ist es so, dass bei Einreichung das Geld
verschwindet, und Geld pro Erntejahr unterschiedlich ist. Das Geld
ist aber mehr universal geworden. Es wird immer verlockender, es als
Tauschmittel zu benutzen. Vor allem, wenn man eines Tages keine Zettel
für Milchprodukte, Gemüse und Fleisch mehr unterscheidet,
sondern „einfach“ (aber schon wohldurchdacht) eine Zahl
darauf schreibt, als Repräsentant der ganzen Ernte. Das ist ein
ungeheuer wichtigen neuen Schritt.
Die gegenseitige Dienstleistung zwischen den Einwohnern wird dadurch
sehr vereinfacht. Es ist wunderbar, sich selbst allerlei Beispiele
auszudenken, um zu sehen, wie dadurch eine Wirtschaft immer weiter
verfeinert werden kann. In erster Instanz bietet zum Beispiel jemand,
der weniger Bedarf an Nahrung hat, einen Zettel als Belohnung für
das Putzen seiner Wohnung an, was dann gemacht wird von jemandem,
der mehr Bedarf an Nahrung hat. Solche Transaktionen werden aber schon
bald viel komplexer. Dadurch kommt das Geld über immer verschlungenere
Wege zum Distributionsorgan, um schließlich dort zu „verschwinden“.
(2)
Geld sparen
Sagen wir nun, dass man dieses Verschwinden des Geldes
ziemlich lästig findet, jedes Jahr aufs Neue Geld herauszugeben
und auf die Ernte zu beziehen. Warum nicht einfach diesen Zetteln
kein Schlussdatum geben und einfach abwarten, wann sie „hereinkommen“?
Ganz einfach die Geldmenge gut überwachen und dafür sorgen,
dass die Bauern ihre Ernte abgeben. Aber…: an sich ist dies
schon ein Vorteil für diejenigen, die Geld sparen; es hat für
die anderen einen negativen Effekt, wenn die Sparer zu einem bestimmten
Zeitpunkt ihr Geld doch noch in Umlauf bringen. Die Geldmenge nimmt
dabei zu und das Geld verliert seinen Wert.
Natürlich ist es auch so, dass jemand, der vorläufig auf
Konsum verzichtet, also spart, damit der Gemeinschaft einen Dienst
erweisen kann. Die Geldmenge im Umlauf nimmt dabei ja ab und somit
steigt der Wert des umlaufenden Geldes. Das ist aber schon ein sehr
abstrakter Gedanke. (Aber hoffentlich wird der Leser dies trotzdem
einmal überdenken!)
Man kann hieraus folgern, dass Geld eigentlich der Ausdruck ist
für die Produktionsmöglichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt.
(3) Werden diese nicht genutzt, dann gibt es keine Garantie, dass
es diese Möglichkeiten nach sagen wir mal einem Jahr noch immer
gibt. Dies ist am besten bei Ackerland wahrzunehmen; wenn man dies
ein Jahr lang nicht benutzt, dann heißt das nicht, dass man
im nächsten Jahr die doppelte Ernte erreichen kann.
Jemand, der sich Geld anspart, indem er sich des Konsums enthält,
lässt Produktionsmöglichkeiten liegen, im Grunde genommen
jedenfalls. Sagen wir nun, dass jemand ganz einfach eine bessere Kochmethode
erfunden hat und dadurch weniger Nahrung braucht. Er hat dann dafür
gesorgt, dass die Produktionsmöglichkeiten besser benutzt werden,
so dass zusätzliche Möglichkeiten entstehen. Das ist eine
andere Weise zu sparen.
Es handelt sich beim Sparen also nicht darum, ob dies gut oder schlecht
ist; es handelt sich darum, was mit dem Ersparten passiert. Macht
der Besitzer etwas damit, bevor die Möglichkeiten dazu verloren
gegangen sind oder nicht? Er kann es verschenken oder etwas damit
kaufen, oder er leiht anderen sein erspartes Geld aus; dann versetzt
er sie in die Lage, dessen Möglichkeiten zu nutzen.
Was passiert aber beim Ausleihen? In der Zukunft wird der Verleiher
sein Geld zurückerhalten, die extra Möglichkeiten, die er
„geschaffen“ hat, sind dann von anderen genutzt worden,
und er hat die Frage vor sich, was er mit den extra Möglichkeiten
dieser zukünftigen Zeit machen wird. So weit, so gut; die Geldmenge
ist ja nicht vergrößert worden, in keinem einzigen Moment.
Wesentlicher noch, solange das Geld nur auf diese Weise „rollt“,
ist es sogar egal, ob darauf ein Schlussdatum steht oder nicht.
Aber Achtung: der Kreditbetrag, der zurückerhalten wird, umfasst
Geld mit den Möglichkeiten, die es zu diesem Zeitpunkt gibt.
Diese können größer sein (z.B. durch Erfindungen),
aber auch kleiner (z.B. durch Naturkatastrophen) als in der Zeit,
als das Geld ausgeliehen wurde. Hier taucht das Phänomen des
Risikos auf.
Risiko verringert man vor allem, indem man nicht selbst sein Geld
ausleiht, sondern dies von einem Kollektiv machen lässt. In unserem
Dorf könnte dies das Distributionsorgan machen. Dieses kann in
Zinsanteilen zum Ausdruck bringen, in welchem Maße das Sparen
und Ausleihen erwünscht ist, um zu gewährleisten, dass ein
Sparer sein Geld auch zurückbekommt oder sogar mehr, oder vielleicht
weniger. (Obwohl wir diese zweite Möglichkeit kaum noch kennen,
die wirtschaftliche Wirklichkeit kann diese sicherlich mit sich bringen!)
Das Distributionsorgan unseres Dorfes ähnelt jetzt mehr und mehr
unseren heutigen Banken.
Zunahme der Geldmenge
Die Probleme durch das Fehlen eines Schlussdatums entstehen
auf eine ganz andere Weise. Das geschieht, wenn das Distributionsorgan
bzw. die „Dorfbank“ sich dafür entscheidet, die Geldmenge
wachsen zu lassen. Dies kann natürlich auf verschiedene Weisen
passieren. Die klassische Weise ist, die Geldpresse einfach laufen
zu lassen. Mancher Diktator hat daran viel Spaß gehabt. In unserer
Gesellschaft passiert dies auch, aber auf äußerst vernünftiger
Weise. Die Banken dürfen Geld schöpfen, indem sie mehr ausleihen,
als sie als Spargelder verwalten. (Momentan muss zirka 5 % gedeckt
sein.) Wenn wir dies auf unser Dorf anwenden, bedeutet das, dass die
Geldmenge zunimmt und der Wert des Geldes sich also verringert. Das
funktioniert aber so, dass diejenigen, die sich das Geld leihen, sozusagen
zusätzliche Möglichkeiten bekommen, die Produktionsmöglichkeiten
in einem bestimmten Moment zu nutzen. Es ist eine Art extra Arbeitsanregung.
Einmal ganz einfach: in unserem Dorf könnte es zum Beispiel sein,
dass einer Möbelmacher werden will, obwohl im Moment noch jeder
selber seine Möbel macht. Er benutzt den Kredit, um für
die Arbeit auf dem Land eine Freistellung zu bekommen und mit der
Anfertigung der Möbel anzufangen. Während er Möbel
baut, müssen die anderen mehr auf dem Land arbeiten. Wenn sich
nun derjenige als guter Möbelmacher herausstellt, dann erweist
es sich schließlich als günstiger für andere, sich
die Möbel bei ihm zu kaufen statt sie selber zu machen. Stellt
sich aber heraus, dass er es gar nicht kann (oder scheußliche
Design-Ideen hat), dann hat er das Problem, dass er den Kredit zurückbezahlen
muss. (Den er dann zum Beispiel zurückverdienen kann, indem er
länger auf dem Land arbeitet; die anderen könnten dann etwas
kürzer arbeiten und auf diese Weise ihre extra Arbeit aus der
vorhergehenden Zeit kompensieren lassen.)
Zusammenfassend: durch die Ergebnisse der zusätzlichen
Arbeit nimmt der Wert des Geldes schließlich (wieder) zu und
werden die störenden Folgen der Zunahme der Geldmenge nicht nur
wieder in Ordnung gebracht, sondern bei einer gelungenen Produktionsinitiative
reichlich erstattet.
Außerdem gibt es aber die Zinsen, welche die Kreditnehmer extra
aufbringen müssen. Die Sache wird jetzt schon ganz schnell unübersichtlich,
denn was sind nun genau die Zinsen und wo gehen diese hin? Die Zinsen
an sich sind eine Risikoprämie (unser Möbelmacher kann z.
B. beim Holz hacken von einem Baum getroffen werden). Einen großen
Teil dieser Zinsen empfangen die Sparer. Die Zinsen an sich bedeuten
auch konkret eine zusätzliche Arbeitsanstrengung für den
Schuldner; er muss zusätzlich von seinen Produktionsmöglichkeiten
Gebrauch machen. Wenn der Sparer nun sein um Zinsen vermehrtes Geld
auf seinem Bankkonto stehen lässt, so kann die Dorfsbank noch
mehr Geld ausleihen. (4) Der Zyklus fängt wieder neu an; die
Geldmenge nimmt wieder zu, das Geld verliert am Anfang seinen Wert,
und so weiter. So funktioniert das heutige System der Geldschöpfung
in groben Zügen. (Ich meine also: auch in unsere Gesellschaft).
Es dürfte deutlich sein, dass Geld auf diese Weise
etwas sehr undurchschaubares wird. Diejenigen, die sparen, sehen ihr
Geld per Saldo zunehmen; heutzutage ist es nach etwa 10 bis 15 Jahren
verdoppelt. (Der Wert ist dann in Wirklichkeit niedriger durch Inflation
und Steuern, aber wachsen tut es!) Konkret bedeutet dies, dass jemand,
der ein Jahre lang spart, (5) nicht nur die „Entwertung“
des Geldes anderen als Sorge überlässt (wenn ein Schlussdatum
auf dem Geld fehlt, kann man dies vielleicht sofort schon als fortlaufendes
Erneuern des Geldes deuten). Im Laufe der Jahre bekommt er schließlich
viel mehr zurück als „sein“ Geld. Sein Geld hat einen
neuen Wert bekommen, ist neu geworden. Mit anderen Worten: wenn sein
erspartes Geld immer wieder „erneuert“ wird, bekommt er
immer größere Ansprüche auf die Zukunft.
Verstehen Sie dies richtig; der Sparer bekommt schließlich nicht
nur das Äquivalent seines „alten“ Geldes mit den
Produktionsmöglichkeiten des heutigen Zeitpunktes, sondern relativ
viel mehr als das. Eventuell darf man dies eine Risikoprämie
nennen (womit landläufige Ökonomen sich vor der Behandlung
der Problematik drücken), aber dann ist die Prämie heutzutage
garantiert viel zu hoch. Schon wieder wird die zuvor als Basisfehler
des Kapitalismus genannten Aussage Rudolf Steiners deutlich. Diejenigen,
die sich Geld leihen, bemerken dies vor allem durch das Phänomen
Zinseszinsen beim Tilgen ihrer Schulden. Konkret: jemand, der sich
100.000 für 10 % Zinsen leiht, und jedes Jahr 10.000 tilgt, hat
am Ende seines Lebens noch immer die selbe Schuld und vielleicht schon
300.000 Tilgung bezahlt. (Vielleicht kann der Leser jetzt verstehen,
warum Steiner zwar der Meinung ist, dass Zinsen an sich ein legitimes
Prinzip zugrunde liegt, aber Zinseszinsen ernsthaft ablehnt. Zinseszinsen
gründen nämlich auf dem gleichen Prinzip wie der unendliche
Besitz von Produktionsmitteln sowie Land.)

Unsere heutige 'Dorfbank', die EZB in Frankfurt
Leider erkennen wir den eigentlichen Hintergrund dieser
ganzen Prozedur nicht mehr. Es ist gut vorstellbar, dass in „unserem“
Dorf Revolten entständen und das Büro des Distributionsorgans
niedergebrannt würde. Unsere nationale Ökonomie, in ein
enormes internationales Netzwerk eingebettet, ist aber nicht so durchsichtig.
All das Vorhergehende ist auch erst eine Einführung in das ökonomische
Denken, das für eine Begegnung mit der Wirklichkeit notwendig
ist.
Neue Ansprüche auf die Zukunft
Vielleicht können Sie sich jetzt bei der am Anfang
vorgebrachten Stellungnahme noch besser vorstellen, dass in Ihrer
Banknote über 100 Euro uralte Ansprüche aus der Vergangenheit
verborgen sind. Sagen wir, dass ein holländischer Großgrundbesitzer
Anfang des 19. Jahrhunderts sein Land verkaufte und dieses Geld auf
die Bank brachte; dann wissen Sie, dass, wenn er und seine Nachkommenschaft
dieses einigermaßen normal verwalten, seine Großenkel
noch immer davon leben können. Andere haben dieses Geld ständig
für sie mit neuem Wert versehen und werden das im nächsten
Jahrhundert immer wieder tun.
Noch wichtiger aber ist die Tatsache, dass momentan immer neue Ansprüche
auf die Zukunft gemacht werden. Die Banken arbeiten ja stetig weiter
und verdienen ihr Geld teilweise durch das von uns selbst an sie verliehene
Recht auf Geldschöpfung. Die Behörden sind aufgrund der
Europäischen (monetären) Union noch weiter von uns Bürgern
weg, und die Folge ist, dass wir noch weniger Einfluss ausüben
können auf Milliardenprojekte, die wir im Laufe der Jahre schließlich
selbst bezahlen werden müssen. Das System der Finanzierung durch
Aktien erstreckt sich über immer mehr Gebiete aus, wie die öffentlichen
Verkehrsmittel, das Kommunikationsnetz, die Energieversorgung und
garantiert bald das Gesundheitswesen. Also: noch mehr Möglichkeiten,
um Eigentumsrechte bis in die weite Zukunft zu erwerben.

Monsanto: Meister Gewächsepatente meistern
Sehr interessant ist auch der Kampf um das tägliche
Brot im wortwörtlichen Sinne; man arbeitet fleißig daran
alle Gewächse beanspruchen zu können, mittels der Patentierung
(und weitmöglichsten Anwendung) der Erfindungen im Bereich der
DNA und verwandter genetischer Modifikationen. Ein Patent gilt gewöhnlich
für 50 Jahre, das heißt also bezahlen.
Folgerungen
Die am Anfang dieses Artikels gestellte Frage nach dem
Wesen des Geldes ist zum Teil beantwortet worden. Ich habe außerdem
gezeigt, dass es keine einfache Frage ist. Hoffentlich habe ich aber
deutlich machen können, wo der Schuh drückt; wir haben es
„vergessen“, haben die Übersicht verloren. Geld wird
mit ungenügendem Bewusstsein gehandhabt. Es ist bewusstseinsfördernd,
wenn wir einsehen, dass lang laufende Eigentumsrechte an Produktionsmitteln
im Geld zum Ausdruck kommen. Außerdem ist es wichtig zu durchschauen,
wie es genau funktioniert, wenn wir die Geldmenge zunehmen lassen,
produktiv machen, indem wir Kredite (mit Zinsen) gewähren. Wie
Ansprüche entstehen und ein Ende haben müssen, damit neue
– und damit Neues – möglich werden. Mit anderen Worten:
wir müssen uns bewusst machen, wie Geld entsteht und vergeht,
und wie wir es produktiv machen, damit wir zusätzliche Produktions-
und Arbeitsmöglichkeiten schaffen und das Produktionspotential
nutzen können.
Wenn man dadurch anfängt, mehr Verständnis für Geld
zu haben, dann kann man sich erst richtig fragen, wie es anders möglich
wäre.
Publiziert in Deutschland in Lazarus,
nr 2, Oktober 2004. Dieser Artikel erschien zum ersten Mal in dem
niederländischen Magazin Bruisvat (Nr 2, Frühling 2000).
Wir danken Y. Tiggelman für die Übersetzung, und S. Reeder
für weitere Korrekturen.
EC Bakker absolvierte sein Studium des ökonomischen Gedankenguts
Steiners an der ökonomischen Fakultät der Universität
in Amsterdam.
Anmerkungen
1. Für Steiners richtungsweisende Vorträge über die
Dorfsgemeinschaft: GA 340, 13. und 14. Vortrag, 5.-6. August 1922.
2. Es stellt sich heraus, dass der Mensch sich beschwert fühlt
bei dem Gedanken, dass Geld verschwindet, wie bei keinem anderen.
Man ist all zu sehr dazu geneigt, Geld als ein Faktum zu betrachten.
Dies ist meiner Meinung nach nicht so sehr dem Thema zuzuschreiben,
sondern vor allem der statischen Denkweise, die meistens benutzt wird.
Nichtsdestotrotz, über Geld nachzudenken bietet was dies betrifft
ein ausgezeichnetes Training um, wie Steiner es bezeichnet, „bewegliches
Denken zu erlernen“. Vielleicht hat er darum den einzigen
Ökonomiekurs, den er je gegeben hat, damit abgeschlossen.
3. Im Wesentlichen ist dies meiner Meinung nach die reellste Definition
des Geldes, die man überhaupt geben kann. Eventuell kann man
„Produktionsmöglichkeiten“ (obwohl an sich tiefschürfender)
durch „Potential“ ersetzen, wird es aber ziemlich rasch
abstrakt, wobei Geld wiederum mystifizieren wird. Geld wird auf jeden
Fall eine Bewusstseinsfrage ersten Ranges bleiben.
4. Entsprechend der Regelung, dass die Banken heutzutage nur zirka
5 % ihrer Kredite decken müssen, bedeuten ja jede 100 Euro mehr
in einer Bank, dass diese Bank sofort etwa 1.800 Euro mehr ausleihen
bzw. schöpfen darf. Eine zusätzliche Verdeutlichung: Die
Einführung der Scheckkarte war für die Banken besonders
verlockend, weil dadurch mehr Geld auf ihren Konten blieb und damit
zusätzliche Möglichkeiten zur Geldschöpfung entstanden.
5. Man muss mit einem Jahr anfangen zu rechnen, wenn man sich auf
die Landwirtschaftsverhältnisse stützt. Wie man die Dinge
auch betrachtet: in dieser Dorfgemeinschaft wird das Geld jedes Jahr
erneuert und in unserer Wirtschaft eigentlich auch. Das ist ein Grundprinzip.
Jemand, der ein Jahr lang spart, hat schon nach einem Jahr erneuertes
Geld! Spart er zwei Jahre, ist das Geld schon zwei Mal erneuert. Sonst
bekäme er nichts oder alte Ware, etwa die vertrockneten Karotten
aus der Ernte vor zwei Jahren.

Norbert Blüm: dumm, dummer,....?